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Reales Leben hat die beste Grafik
Betroffenes Ehepaar referiert zum Thema "Internetsucht und Onlinerollenspiele"

 


Die Referenten Christoph und Christine Hirte bei Ihrem hochinteressanten Vortrag.

 

Geiselhöring.  Viele interessierte Bürger folgten am Montagabend der Einladung des Sachausschusses Jugend des Pfarrgemeinderates und dem Bildungswerk der Hanns-Seidel-Stiftung e. V. mit Seminarleiter Rudolf Mahlmeister (Schwarzach) ins katholische Pfarrheim: Zum Thema "Internet- und Rollenspielsucht" referierten Christoph und Christine Hirte aus Gräfelfing, die sich nach eigener Aussage als "betroffene Eltern, die ihr Kind an ein Internet-Rollenspiel verloren haben" bezeichneten.

 

In bewegenden Worten aus ihrem Familienleben ging das Ehepaar Hirte auf die Entstehung und die Gefahren der Internetsucht ein, wie diese zu erkennen sei, wie sie Menschen verändere und wie man dieser "Droge" am besten vorbeugen könne.

"Unser hochbegabter Sohn ging nach gutem Abiturabschluss ins 600 Kilometer entfernte Nordrheinwestfalen, um Informatik zu studieren", begann Christine Hirte zu erzählen. Anfangs wunderten wir uns, dass der Kontakt mit der Zeit immer weniger wurde. Dann bat er um ein Urlaubssemester", berichtete die Mutter. "Danach verließ er seine Wohnung und zog zu einer Internetbekannten. Als es dann in seiner alten Wohnung zu einem Wasserrohrbruch kam und die Handwerker sich weigerten, die total zugemüllte, verwahrloste Wohnung zu betreten, kam heraus, dass er internetrollenspielsüchtig war: Er war an der Uni schon exmatrikuliert und spielte Tag und Nacht nur noch ein glorifiziertes Computer-Fantasy-Online-Rollenspiel." Zu diesem Zeitpunkt hatte er keine realen Freunde mehr im echten Leben, bedauerte der Vater. Alles, was für ihn noch zählte, war das virtuelle Internetspiel. Das sei vor eindreiviertel Jahren gewesen - seitdem hätten sie nichts mehr von ihm gehört oder gesehen, bedauerten die besorgten Eltern. Trotzdem würden sie mit Nachrichten einseitig mit ihm in Verbindung bleiben, damit er wisse, dass sie an ihn denken.

Zwei Millionen onlinesüchtig

Das engagierte Ehepaar, dass mit einem selbst gegründeten Verein "Aktiv gegen Mediensucht e. V." Aufklärungs- und Vorbeugungsarbeit leisten will, informierte über eine Studie, nach der in Deutschland zwei Millionen Menschen "onlinesüchtig" sind, darunter 600000 Kinder und Jugendliche. Die Möglichkeiten, bei einen Internetrollenspiel Stärken, Reichtum, Erfolge, Gruppenzwang oder Macht zu erlangen, die im realen Leben nicht erreichbar sind und eine daraus entstehende "virtuelle hochgelevelte Heldenfigur" in einer digitalen Fantasiewelt zu sein, würde dieser "Internetsucht" Tür und Tor öffnen. "Sobald diese ,Droge' stark genug sei, besteht die Gefahr, sich nur noch mit dieser unwirklichen Computerwelt zu identifizieren", berichtete das Ehepaar Hirte. Gespräche und Briefe vieler betroffener Eltern bestätigen dies.

Medienkonsum als Lebensersatz

Wie dominant diese Sucht, bei der das richtige Leben ausgeblendet und daran einfach nicht mehr teilgenommen wird, tatsächlich werden könne, erläuterten die Referenten mit erschreckenden Beispielen: Stundenlange Anwesenheitspflicht von "No-go-Spielen" führe in extremen Fällen von Onlinesucht sogar dazu, dass Erwachsene in Windeln vor dem PC sitzen oder einen Eimer unter dem Tisch platzieren, weil sie nicht einmal mehr die Zeit zum Stuhlgang haben. Gegessen werde vielfach nur noch "Fast Food" oder gar nichts mehr. Alles, was alleinig noch zähle, sei die Spielsucht, das Leben wird nur noch auf die Sucht reduziert. Aber nicht nur Kinder und Jugendliche seien davon betroffen: "Diese neue Sucht zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten und alle Altersgruppen", betonte das Ehepaar in seiner Aufklärungsarbeit: "Sogar einsame Kinder rufen um Hilfe, die ihre Eltern ans Internet verloren hätten und auf sich allein gestellt sind." Diese Sucht sei zu oft eine Kompensation von Defiziten, der extreme Medienkonsum werde zum Ersatz. Schleichend verschwinden diese Suchtopfer immer mehr aus dem öffentlichen Leben.

Symptome erkennen

Als mögliche Symptome einer bestehenden "Onlinesucht" nannten die betroffenen Eltern unter anderem Schulversagen, weniger Verabredungen, weniger reale Freunde, weil Internetfreunde wichtiger seien, Kleidung und das äußere Erscheinen würden unwichtiger werden, auffällige Gewichtszu- oder -abnahme, das Herunterspielen des PC-Konsums, vermehrtes Lügen oder Aggressionen, besonders wenn Eltern den Computer verbieten würden. "Fachleute meinen, dass man bei einer wöchentlichen Spielzeit von 25 bis 34 Stunden bereits gefährdet ist und dass ab 35 Stunden definitiv von Sucht gesprochen werden muss," erklärte Christoph Hirte. "Ein internationaler Kongress in München brachte 2008 folgendes Ergebnis: 50% der Eltern kümmern sich gar nicht um den Medienkonsum ihrer Kinder, 60% der Eltern regeln den Fernsehkonsum der Kinder überhaupt nicht, vier Millionen Kinder in Deutschland sind den Medien ohne Erziehung schutzlos ausgeliefert." Das Ehepaar gab auch Ratschläge und Informationen über das Fernsehverhalten und PC-Spiele allgemein und gewaltverherrlichende Mörderspiele im Besonderen und riet den Eltern, Erkundigungen darüber einzuholen: "91% der Computerspiele sind nach Ansicht von Fachleuten jugendgefährdend."

"Reales Leben hat die beste Grafik"

"Muten wir unseren Kindern noch das richtige Leben zu oder nur einen ,Schongang'? Hat unser Kind gelernt Verantwortung zu tragen oder nehmen wir ihm zuviel ab? Was können wir zum Schutz unsere Kinder dagegen tun?" stellte Christoph Hirte in den Raum und beantwortete diese Fragen: "Kein PC und kein Internet gehören ins Kinderzimmer, ausgewogene Alternativangebote oder Maximalzeiten für sinnvolle PC-Benutzung könnten vorbeugen, aber auch ausgeglichene Freizeitangebote, wie Brett- oder Kartenspiele in geselliger Runde, gemeinsame Freibadbesuche oder Sport sind sinnvoll. Kinder sollten so spät wie möglich in die elektronischen Medien eingeführt werden, empfahl das Ehepaar: "Scheuen wir uns nicht, darüber zu sprechen und notfalls Suchtberatungsstellen aufzusuchen." Erschütternde Aussteigerberichte erzählten zum Beispiel, dass "ich Jahre ans Internet verloren hab, ich dachte, es sei nur ein Hobby, aber die Sucht hatte mich im Griff wie Heroin. Fangt gar nicht erst an. Reales Leben hat die beste Grafik!"

Auch vor Selbstmord- und "Magersuchtforen" im Internet warnten die Referenten. Auf ihrer Homepage www.rollenspielsucht.de will das Ehepaar Hirte informieren, aufklären und vorbeugen. Im Anschluss standen die Referenten für eine Diskussion zur Verfügung.

 

Bericht und Foto: Manfred Bick, Laber-Zeitung.